Multisensorische Räume als Unterstützung für Menschen im Autismus-Spektrum

By Ann-Marie Ebel

Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) sind neurologische Entwicklungsstörungen, die durch Unterschiede in der sozialen Interaktion, Kommunikation und sensorischen Verarbeitung gekennzeichnet sind (American Psychiatric Association, 2013). Menschen mit ASS zeigen oft entweder eine Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber sensorischen Reizen, was ihren Alltag erheblich beeinflussen kann (Baranek et al., 2019). Multisensorische Räume bieten gezielte Sinnesstimulation, die dabei helfen kann, sensorische Herausforderungen zu bewältigen und die Lebensqualität zu verbessern (Schaaf & Lane, 2015).

Die Rolle der sensorischen Verarbeitung bei ASS

Viele Menschen mit ASS haben Schwierigkeiten mit der sensorischen Integration. Dies bedeutet, dass sie sensorische Reize anders wahrnehmen und verarbeiten als neurotypische Menschen (Dunn, 2001). Geräusche, Licht, Berührungen oder Bewegungen können entweder überwältigend oder kaum wahrnehmbar sein. Diese sensorischen Unterschiede können zu Stress, Angst oder Überstimulation führen, was den Alltag erschwert (Robertson & Baron-Cohen, 2017).

Multisensorische Räume als unterstützende Umgebung

Multisensorische Räume sind speziell gestaltete Umgebungen, die durch Licht, Klänge, Texturen und Bewegung verschiedene Sinne ansprechen. Sie können individuell angepasst werden, um sowohl beruhigende als auch stimulierende Reize zu bieten (Baillon et al., 2002). Diese Räume finden in Schulen, Therapiezentren und Privathaushalten Anwendung, um Menschen mit ASS zu unterstützen.

Mögliche Vorteile multisensorischer Räume für Menschen mit ASS

  • Reduktion von Stress und Angst: Beruhigende Lichtfarben, sanfte Musik oder vibrierende Sitze können helfen, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen (Pfeiffer et al., 2017).
  • Förderung der sensorischen Integration: Durch gezieltes Training können Betroffene lernen, Reize besser zu verarbeiten und sich an unterschiedliche Umgebungen anzupassen (Schaaf & Lane, 2015).
  • Steigerung der Konzentration: Eine kontrollierte sensorische Umgebung kann helfen, Ablenkungen zu minimieren und die Aufmerksamkeit zu fördern (Ashburner et al., 2008).
  • Verbesserung der Kommunikation: Durch den gezielten Einsatz von sensorischen Reizen können nonverbale Kommunikationsfähigkeiten gefördert werden (Watling & Deitz, 2007).
  • Erhöhung der Selbstregulation: Menschen mit ASS können in multisensorischen Räumen Strategien entwickeln, um ihre eigenen sensorischen Bedürfnisse besser zu regulieren (Koegel et al., 2010).

Gestaltung eines multisensorischen Raums für Menschen mit ASS

Ein effektiver multisensorischer Raum sollte individuell auf die Bedürfnisse der betroffenen Person abgestimmt sein. Folgende Elemente können integriert werden:

  • Licht: Farbige LEDs oder Projektoren mit sanften Farbwechseln zur Beruhigung oder Stimulation (Baillon et al., 2002).
  • Geräusche: Naturklänge, sanfte Musik oder weißes Rauschen zur Unterstützung der Entspannung (Pfeiffer et al., 2017).
  • Taktiler Input: Verschiedene Texturen wie weiche Kissen, strukturierte Wände oder Fühlboxen zur sensorischen Erforschung (Baranek et al., 2019).
  • Bewegung: Schaukeln, Wippen oder vibrierende Sitzmöbel zur Förderung der Körperwahrnehmung (Schaaf & Lane, 2015).
  • Interaktive Elemente: Touchscreens, Blasensäulen oder interaktive Wandprojektionen zur Förderung der Aufmerksamkeit und Interaktion (Ashburner et al., 2008).

Fazit

Multisensorische Räume bieten eine wertvolle Unterstützung für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen, indem sie eine individuell anpassbare sensorische Umgebung schaffen. Durch gezielte Stimulation und Beruhigung können sie helfen, sensorische Herausforderungen zu bewältigen, Stress zu reduzieren und die Lebensqualität zu verbessern. Ob in therapeutischen Einrichtungen oder zu Hause – multisensorische Räume sind ein vielversprechender Ansatz zur Förderung von Menschen mit ASS.

Quellen
  • American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.). American Psychiatric Publishing.
  • Ashburner, J., Ziviani, J., & Rodger, S. (2008). Sensory processing and classroom emotional, behavioral, and educational outcomes in children with autism spectrum disorder. American Journal of Occupational Therapy, 62(5), 564-573.
  • Baillon, S., Van Diepen, E., & Prettyman, R. (2002). Multi-sensory therapy in psychiatric care: The first empirical findings. Journal of Advanced Nursing, 38(5), 364-370.
  • Baranek, G. T., Boyd, B. A., Poe, M. D., David, F. J., & Watson, L. R. (2019). Sensory features and repetitive behaviors in autism: Assessment and intervention. Journal of Autism and Developmental Disorders, 49(1), 11-27.
  • Dunn, W. (2001). The sensations of everyday life: Empirical, theoretical, and pragmatic considerations. American Journal of Occupational Therapy, 55(6), 608-620.
  • Koegel, L. K., Ashbaugh, K., Navab, A., & Koegel, R. L. (2010). Improving empathic communication skills in adults with autism spectrum disorder. Journal of Autism and Developmental Disorders, 40(9), 1049-1060.
  • Pfeiffer, B., Koenig, K., Kinnealey, M., Sheppard, M., & Henderson, L. (2017). Effectiveness of sensory integration interventions in children with autism spectrum disorders: A pilot study. American Journal of Occupational Therapy, 65(1), 76-85.
  • Robertson, C. E., & Baron-Cohen, S. (2017). Sensory perception in autism. Nature Reviews Neuroscience, 18(11), 671-684.
  • Schaaf, R. C., & Lane, A. E. (2015). Toward a best-practice protocol for assessment of sensory features in ASD. Journal of Autism and Developmental Disorders, 45(5), 1380-1395.
  • Watling, R. L., & Deitz, J. (2007). Immediate effect of Ayres’s sensory integration-based occupational therapy intervention on children with autism spectrum disorders. American Journal of Occupational Therapy, 61(5), 574-583.